InhaltDie Sache mit der Selbstverteidigung Tanden - das Zentrum des Körpers Irimi, tenkan - nach innen, nach außen Omote, ura - Vorderseite, Rückseite Ki nagare - fließendes Training Zanshin - der ausgestreckte Geist Keiko - trainieren, trainieren, trainieren Takemusu - grenzenlose Improvisation Kototama - die Seele der Wörter
AIKIDO - die friedliche Kampfkunst Stefan Stenudd Übersetzung: Sabine Neumann © Stefan Stenudd 2006 Arriba Verlag, Box 6001, 200 11 Malmö www.arriba.se The whole book as PDF (4MB): The whole book as EBOOK (260KB): eBook Thanks to Norbert Lender Stefan Stenudd's website in English: stenudd.COM Aikido Aikibatto sword exercises Myth Greek Philosophers Aristotle and his Poetics Taoist source Qi - life energy Fiction by Stenudd Art by Stenudd Astrology and horoscopes |
So wie die Jungen![]() Brandbergen. Foto: Gunilla Welin. Vor allem unter japanischen Aikidolehrern ist die Ansicht verbreitet, dass mehr ätherische Formen von Aikido besser für Ältere passen. Sie meinen, dass junge Ausübende lieber mit Kraftfülle und Schnelligkeit brillieren, weil das zu ihrem Alter gehört. Erst wenn das Alter die Gelenke steifer macht und die Bewegungen schrumpfen lässt, so soll man sich dem Aikido zuwenden, das so weich wie Luft ist, und erst wenn das Grab auf einen lauert, soll man zu dem Aikido übergehen, das die Leere zeigt - sofern man das kann. Es ist sicher richtig, dass junger Eifer es schwer hat, das Kraftvolle sein zu lassen, und schwer, so sanft wie ein Windhauch zu sein. Jünglinge wollen viel lieber ihre Glieder mit einer solchen Kraft prüfen, dass es in ihnen knackt, und ihren Partner auf die Matte schwingen, dass es staubt. Ich glaube nicht, dass der Pädagoge geboren ist, der junge Menschen dazu bringen kann, von solchem Spiel abzusehen. Aber man belügt sich und andere über Aikido, wenn man sagt, dass sie in diesem Zustand verbleiben müssen, bis sie zu schwach dafür werden. Wenn das stimmen würde, dann wäre das Aikido der Luft schwächer als das Aikido des Wassers und das Aikido der Leere wäre das schwächste von allen. Das ist nicht wahr. Auch diejenigen, die in ihrer frühen Kindheit mit dem Aikidotraining beginnen, können eine ganz andere Kraft ausmachen als die der Muskeln, und sie sehnen sich nach ihr. Das pflegt vor allem für die richtig Jungen zu stimmen, die nicht Neugierde von Stolz überstimmen lassen. Ihnen zu sagen, dass sie warten und in einer primitiveren Form von Aikido verbleiben sollen, nur weil sich noch kein hinreichend achtenswertes Alter erreicht haben, ist nichts anderes als eine Sünde. Wenn Menschen von einem niedrigeren zu einem höheren Zustand übergehen wollen sollten wir sie nicht aufhalten - wir sollten jubeln! Hinter dem, was man in der Bibel Sünde nennt, liegen
im hebräischen Original drei verschiedene Begriffe. Sie haben alle
mit der Fahrt auf ein Ziel zu tun, wie etwa der Weg eines Pfeils
zur Schießscheibe. Eine Sünde ist, auf dem Weg zum Ziel die
Geschwindigkeit abzubremsen, eine andere, unnötige Umwege
zu nehmen, eine dritte, völlig davon abzuweichen. Sünde ist
also, nicht so direkt und schnell auf das Ziel zuzustreben, wie man
es vermag. Im Aikido bedeutet das, dass dem Anfänger, ungeachtet seines Alters, natürlich zugestanden werden soll, sich an jedem Stadium, das er erreicht hat, zu erfreuen und es zu erforschen - aber auch, dass man untrüglich eine Richtung nach vorne aufzeigt, hin zum nächsten Niveau und zum nächsten. Genauso wie es für den Lehrer unmöglich ist, den Schüler in einem höheren Tempo durch die Stadien zu drücken als der Schüler selbst vermag, so ist es unverzeihlich für den Lehrer, auch nur im mindesten eine Ansicht darüber zu heben, in welcher Geschwindigkeit das vor sich gehen sollte. Man kann nur wünschen, dass die Geschwindigkeit hoch ist, und dass der Schüler in seiner Entwicklung keine längeren Pausen macht als er muss, um weitermachen zu können. Die Ansicht, dass jede Sache ihre Zeit hat, scheint oft von denen vertreten zu werden, welche selbst wünschen, in einem Stadium zu verbleiben, das sie eigentlich hinter sich lassen müssten, weil sie die nötige Reife erreicht haben. So wie jedes Alter im Leben der Menschen seinen Lohn und seinen Preis hat, so muss man in jeder Phase seiner Entwicklung etwas aufgeben, um etwas anderes aufnehmen zu können. Manchmal kann es schmerzen, dieses Etwas aufzugeben, man bleibt in seiner Unschlüssigkeit, aus dem einfachen Grund, weil man weiß was man hat, aber nicht, was man bekommt. Morihei Ueshiba ist ein deutliches Vorbild, aber er wird als solches unterschiedlich genutzt und gedeutet. Viele wollen aus ihm ein unnahbares Ideal machen, einen Heiligen auf einem hohen Sockel. In ihren Augen ist es fast aufrührerisch zu versuchen, sich ein ebenso hochstehendes, genauso blendendes Aikido anzueignen wie osensei (der große Lehrer) es beherrschte. Ich bin überhaupt nicht sicher, dass er sich selbst als solches Unikum betrachtete. Warum hätte er sich dann überhaupt darum bemüht, seine Kunst weiterzugeben? Moriheit Ueshiba trieb seine Schüler mit einer Fülle von Erklärungen und Anweisungen voran, auch wenn diese nicht immer begreiflich für jeden einzelnen waren. Wenn wir ihn als einen Entdecker betrachten, einen Neugestalter der Kampfkunst, da ist es plausibler, dass wir nach seinem Tod nicht den Rückzug antreten, sondern uns darum bemühen, dort weiterzumachen, wo er aufhörte. Wir sollten uns mit all unserer Kraft bemühen und uns beeilen, um zu dem Aikido zu kommen, das Ueshiba kurz vor seinem Tod beherrschte, um von da aus weiterzumachen. Ich glaube, dass das möglich ist. Jedenfalls weiß ich, dass es unmöglich ist, wenn wir es nicht versuchen. Morihei Ueshiba wurde im Lauf der Jahre oft gefilmt.
Auf diesen Filmen sieht man seine Entwicklung ungeheuer
deutlich. In den frühesten bekannten Dokumentationen seines Aikido,
von 1935, ist die Kraft groß und die Techniken mindestens
genauso plötzlich und hart wie die Angriffe. Wie viele sich auch über
ihn werfen, sie werden mit noch größerer Kraft zurückgeworfen.
Aber in den letzten Filmen, die in den 60er Jahren aufgenommen
wurden, geht er größtenteils nur herum und gestikuliert
weich, geradezu gentleman-like, in die Richtung seiner Angreifer,
und das bringt sie schon zu Fall - im selben Augenblick, da sie
sich zum Angriff anschicken. Unter Aikidomenschen gibt es viele, die den Film von 1935 für den Favoriten halten. Da kann jeder sehen was für ein großartiger Kämpfer osensei war. Die letzten Filme hingegen scheuen sie mit einem Gefühl von Verwirrung und Zweifel. Was er da zeigt, das ist wohl nicht möglich? Das ist wohl nur ein alter Mann, der von sehr gehorsamen Assistenten umgeben ist? Sein Aikido wurde also so, dass sogar Aikidoausübende zu glauben begannen, dass alles abgegemacht war. In meinen Augen sind diese letzten Filme die unvergleichlich faszinierendsten und anziehendsten. Da sieht man eine Kunst, die Klarheit schenken, die vielleicht dem Leben eine Bedeutung geben könnte. Also warum nicht dahin streben, mit allem was man vermag? Natürlich ist es möglich, die Stadien des Aikido mit den Stadien des Menschenlebens zu vergleichen, ebenso wie mit den Aggregatszuständen feste Form, Flüssigkeit und Gas. Aber wir sollten nicht verlangen, dass Menschen diesen Intervallen sklavisch wie Gefängnisbewohner folgen. Menschen sind so unterschiedlich, so unvorhersehbar, dass wir besser damit rechnen sollten als es für unmöglich zu halten, dass ein Kind die Form der Leere zeigen kann, ebenso wie alte Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug an einem Aikido des Steinstandbilds festhalten können. Eigentlich glaube ich, dass die Altersgruppe, der osensei in seinen letzten Tagen am meisten glich, die eines Jugendlichen war. Nicht im physischen Ausdruck, gewiss, aber im Geist. Man kann in Konturen ahnen, wie der Geist jeder
Altersgruppe beschaffen ist. Kinder sind naturgemäß wunderbar
voraussetzungslos, sie verschlingen die Behauptungen ihres
Lehrers mit Haut und Haar, schonen sich selbst keine Spur, wenn sie
sich auf dem Weg des Aikido versuchen. Bei den Erwachsenen ist
das nicht genauso leicht. Erwachsene haben Prestige und
vorhergefasste Meinungen, über die sie mit Sorge und
Bestimmtheit wachen. Sie hören dem Lehrer reserviert zu, weil sie sich nicht
zu Gedanken verführen lassen wollen, denen sie nicht von Anfang
an huldigen, oder zu Entdeckungen, deren Wert sie nicht von
Anfang an einschätzen können. Oft sind sie so voll von ihrem
Selbstgefühl, dass sie nicht in der Lage sind, etwas zu lernen,
und höchstens die eine oder andere Fertigkeit vervollkommen
wollen. Damit sind sie zufrieden, so als wüssten sie schon alles, was
das Leben geben kann. Sie können bis zum Alter zögern, bis sie
sich öffnen, und in diesem Fall mit einem Gefühl, das dem der
Jugend sehr nahe ist. Sicher sind Jugendliche oft begeistert von den einfacheren Vorzügen von Aikido, sicher können sie völlig unverhüllt in Kraft, Tempo, Energie und anderen solchen rein körperlichen Großtaten schwelgen. Aber da sind es nur ihre Körper, die sich verausgaben. Ihr Geist ist in der Regel ein ganz anderer. In der Tiefe ihres Herzens sind Jugendliche grenzenlos lebensdurstig und - vielleicht die wichtigste der menschlichen Eigenschaften - neugierig. Wo das Kind schnell das Interesse verliert und seine Aufmerksamkeit verfliegt wie eine Schneeflocke im Wind, da können Jugendliche all ihre Zeit und ihren letzten Funken Energie auf ein und dasselbe verwenden, wenn es nur ihre Faszination geweckt hat. Wo erwachsene Menschen sich damit bremsen, dass sie zuerst fragen, wie sie wieder herauskommen oder wie das in ihrer Alltagsordnung funktionieren soll, fühlen Jugendliche nicht einen einzigen Stich von Bedenklichkeit, bevor sie sich in die tiefen Wasser des Unbekannten stürzen. Die Erklärung ist vermutlich: Faszination. Jugendliche lassen sich faszinieren - von charismatischen Idolen, von den Reproduktionsmechanismen der Biologie, oder von einer friedlichen japanischen Kampfkunst. Faszination ist ihre Batterie und die Rutschbahn, auf der sie vorwärts kommen. Das ist ein sehr guter Geist, um Aikido zu entdecken. Anstelle den jungen Schüler auf seiner Fahrt zu bremsen, sollte jeder Erwachsene sein Bestes tun um sich mitreißen zu lassen - oder aus der Bahn treten. Nur wer sich von Aikido hinreißen lässt, kann jemals zu einem Aikido gelangen, das hinreißend ist.
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