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So wie die Jungen

Brandbergen. Foto: Gunilla Welin.
Brandbergen. Foto: Gunilla Welin.


Vor allem unter japanischen Aikidolehrern ist die Ansicht verbreitet, dass mehr ätherische Formen von Aikido besser für Ältere passen. Sie meinen, dass junge Ausübende lieber mit Kraftfülle und Schnelligkeit brillieren, weil das zu ihrem Alter gehört. Erst wenn das Alter die Gelenke steifer macht und die Bewegungen schrumpfen lässt, so soll man sich dem Aikido zuwenden, das so weich wie Luft ist, und erst wenn das Grab auf einen lauert, soll man zu dem Aikido übergehen, das die Leere zeigt - sofern man das kann.



       Es ist sicher richtig, dass junger Eifer es schwer hat, das Kraftvolle sein zu lassen, und schwer, so sanft wie ein Windhauch zu sein. Jünglinge wollen viel lieber ihre Glieder mit einer solchen Kraft prüfen, dass es in ihnen knackt, und ihren Partner auf die Matte schwingen, dass es staubt. Ich glaube nicht, dass der Pädagoge geboren ist, der junge Menschen dazu bringen kann, von solchem Spiel abzusehen. Aber man belügt sich und andere über Aikido, wenn man sagt, dass sie in diesem Zustand verbleiben müssen, bis sie zu schwach dafür werden. Wenn das stimmen würde, dann wäre das Aikido der Luft schwächer als das Aikido des Wassers und das Aikido der Leere wäre das schwächste von allen. Das ist nicht wahr.

       Auch diejenigen, die in ihrer frühen Kindheit mit dem Aikidotraining beginnen, können eine ganz andere Kraft ausmachen als die der Muskeln, und sie sehnen sich nach ihr. Das pflegt vor allem für die richtig Jungen zu stimmen, die nicht Neugierde von Stolz überstimmen lassen. Ihnen zu sagen, dass sie warten und in einer primitiveren Form von Aikido verbleiben sollen, nur weil sich noch kein hinreichend achtenswertes Alter erreicht haben, ist nichts anderes als eine Sünde. Wenn Menschen von einem niedrigeren zu einem höheren Zustand übergehen wollen sollten wir sie nicht aufhalten - wir sollten jubeln!

       Hinter dem, was man in der Bibel Sünde nennt, liegen im hebräischen Original drei verschiedene Begriffe. Sie haben alle mit der Fahrt auf ein Ziel zu tun, wie etwa der Weg eines Pfeils zur Schießscheibe. Eine Sünde ist, auf dem Weg zum Ziel die Geschwindigkeit abzubremsen, eine andere, unnötige Umwege zu nehmen, eine dritte, völlig davon abzuweichen. Sünde ist also, nicht so direkt und schnell auf das Ziel zuzustreben, wie man es vermag.


Järfälla. Foto: Magnus Hartmann.
Järfälla. Foto: Magnus Hartmann.


       Im Aikido bedeutet das, dass dem Anfänger, ungeachtet seines Alters, natürlich zugestanden werden soll, sich an jedem Stadium, das er erreicht hat, zu erfreuen und es zu erforschen - aber auch, dass man untrüglich eine Richtung nach vorne aufzeigt, hin zum nächsten Niveau und zum nächsten. Genauso wie es für den Lehrer unmöglich ist, den Schüler in einem höheren Tempo durch die Stadien zu drücken als der Schüler selbst vermag, so ist es unverzeihlich für den Lehrer, auch nur im mindesten eine Ansicht darüber zu heben, in welcher Geschwindigkeit das vor sich gehen sollte. Man kann nur wünschen, dass die Geschwindigkeit hoch ist, und dass der Schüler in seiner Entwicklung keine längeren Pausen macht als er muss, um weitermachen zu können.

       Die Ansicht, dass jede Sache ihre Zeit hat, scheint oft von denen vertreten zu werden, welche selbst wünschen, in einem Stadium zu verbleiben, das sie eigentlich hinter sich lassen müssten, weil sie die nötige Reife erreicht haben. So wie jedes Alter im Leben der Menschen seinen Lohn und seinen Preis hat, so muss man in jeder Phase seiner Entwicklung etwas aufgeben, um etwas anderes aufnehmen zu können. Manchmal kann es schmerzen, dieses Etwas aufzugeben, man bleibt in seiner Unschlüssigkeit, aus dem einfachen Grund, weil man weiß was man hat, aber nicht, was man bekommt.

       Morihei Ueshiba ist ein deutliches Vorbild, aber er wird als solches unterschiedlich genutzt und gedeutet. Viele wollen aus ihm ein unnahbares Ideal machen, einen Heiligen auf einem hohen Sockel. In ihren Augen ist es fast aufrührerisch zu versuchen, sich ein ebenso hochstehendes, genauso blendendes Aikido anzueignen wie osensei (der große Lehrer) es beherrschte. Ich bin überhaupt nicht sicher, dass er sich selbst als solches Unikum betrachtete. Warum hätte er sich dann überhaupt darum bemüht, seine Kunst weiterzugeben? Moriheit Ueshiba trieb seine Schüler mit einer Fülle von Erklärungen und Anweisungen voran, auch wenn diese nicht immer begreiflich für jeden einzelnen waren. Wenn wir ihn als einen Entdecker betrachten, einen Neugestalter der Kampfkunst, da ist es plausibler, dass wir nach seinem Tod nicht den Rückzug antreten, sondern uns darum bemühen, dort weiterzumachen, wo er aufhörte. Wir sollten uns mit all unserer Kraft bemühen und uns beeilen, um zu dem Aikido zu kommen, das Ueshiba kurz vor seinem Tod beherrschte, um von da aus weiterzumachen.

       Ich glaube, dass das möglich ist. Jedenfalls weiß ich, dass es unmöglich ist, wenn wir es nicht versuchen.

       Morihei Ueshiba wurde im Lauf der Jahre oft gefilmt. Auf diesen Filmen sieht man seine Entwicklung ungeheuer deutlich. In den frühesten bekannten Dokumentationen seines Aikido, von 1935, ist die Kraft groß und die Techniken mindestens genauso plötzlich und hart wie die Angriffe. Wie viele sich auch über ihn werfen, sie werden mit noch größerer Kraft zurückgeworfen. Aber in den letzten Filmen, die in den 60er Jahren aufgenommen wurden, geht er größtenteils nur herum und gestikuliert weich, geradezu gentleman-like, in die Richtung seiner Angreifer, und das bringt sie schon zu Fall - im selben Augenblick, da sie sich zum Angriff anschicken.


Järfälla. Foto: Magnus Hartmann.
Järfälla. Foto: Magnus Hartmann.


       Unter Aikidomenschen gibt es viele, die den Film von 1935 für den Favoriten halten. Da kann jeder sehen was für ein großartiger Kämpfer osensei war. Die letzten Filme hingegen scheuen sie mit einem Gefühl von Verwirrung und Zweifel. Was er da zeigt, das ist wohl nicht möglich? Das ist wohl nur ein alter Mann, der von sehr gehorsamen Assistenten umgeben ist? Sein Aikido wurde also so, dass sogar Aikidoausübende zu glauben begannen, dass alles abgegemacht war. In meinen Augen sind diese letzten Filme die unvergleichlich faszinierendsten und anziehendsten. Da sieht man eine Kunst, die Klarheit schenken, die vielleicht dem Leben eine Bedeutung geben könnte. Also warum nicht dahin streben, mit allem was man vermag?

       Natürlich ist es möglich, die Stadien des Aikido mit den Stadien des Menschenlebens zu vergleichen, ebenso wie mit den Aggregatszuständen feste Form, Flüssigkeit und Gas. Aber wir sollten nicht verlangen, dass Menschen diesen Intervallen sklavisch wie Gefängnisbewohner folgen. Menschen sind so unterschiedlich, so unvorhersehbar, dass wir besser damit rechnen sollten als es für unmöglich zu halten, dass ein Kind die Form der Leere zeigen kann, ebenso wie alte Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug an einem Aikido des Steinstandbilds festhalten können. Eigentlich glaube ich, dass die Altersgruppe, der osensei in seinen letzten Tagen am meisten glich, die eines Jugendlichen war. Nicht im physischen Ausdruck, gewiss, aber im Geist.

       Man kann in Konturen ahnen, wie der Geist jeder Altersgruppe beschaffen ist. Kinder sind naturgemäß wunderbar voraussetzungslos, sie verschlingen die Behauptungen ihres Lehrers mit Haut und Haar, schonen sich selbst keine Spur, wenn sie sich auf dem Weg des Aikido versuchen. Bei den Erwachsenen ist das nicht genauso leicht. Erwachsene haben Prestige und vorhergefasste Meinungen, über die sie mit Sorge und Bestimmtheit wachen. Sie hören dem Lehrer reserviert zu, weil sie sich nicht zu Gedanken verführen lassen wollen, denen sie nicht von Anfang an huldigen, oder zu Entdeckungen, deren Wert sie nicht von Anfang an einschätzen können. Oft sind sie so voll von ihrem Selbstgefühl, dass sie nicht in der Lage sind, etwas zu lernen, und höchstens die eine oder andere Fertigkeit vervollkommen wollen. Damit sind sie zufrieden, so als wüssten sie schon alles, was das Leben geben kann. Sie können bis zum Alter zögern, bis sie sich öffnen, und in diesem Fall mit einem Gefühl, das dem der Jugend sehr nahe ist.


Åke Bengtsson, Stockholm. Foto: Magnus Hartmann.
Åke Bengtsson, Stockholm. Foto: Magnus Hartmann.


       Sicher sind Jugendliche oft begeistert von den einfacheren Vorzügen von Aikido, sicher können sie völlig unverhüllt in Kraft, Tempo, Energie und anderen solchen rein körperlichen Großtaten schwelgen. Aber da sind es nur ihre Körper, die sich verausgaben. Ihr Geist ist in der Regel ein ganz anderer. In der Tiefe ihres Herzens sind Jugendliche grenzenlos lebensdurstig und - vielleicht die wichtigste der menschlichen Eigenschaften - neugierig. Wo das Kind schnell das Interesse verliert und seine Aufmerksamkeit verfliegt wie eine Schneeflocke im Wind, da können Jugendliche all ihre Zeit und ihren letzten Funken Energie auf ein und dasselbe verwenden, wenn es nur ihre Faszination geweckt hat. Wo erwachsene Menschen sich damit bremsen, dass sie zuerst fragen, wie sie wieder herauskommen oder wie das in ihrer Alltagsordnung funktionieren soll, fühlen Jugendliche nicht einen einzigen Stich von Bedenklichkeit, bevor sie sich in die tiefen Wasser des Unbekannten stürzen.

       Die Erklärung ist vermutlich: Faszination. Jugendliche lassen sich faszinieren - von charismatischen Idolen, von den Reproduktionsmechanismen der Biologie, oder von einer friedlichen japanischen Kampfkunst. Faszination ist ihre Batterie und die Rutschbahn, auf der sie vorwärts kommen. Das ist ein sehr guter Geist, um Aikido zu entdecken. Anstelle den jungen Schüler auf seiner Fahrt zu bremsen, sollte jeder Erwachsene sein Bestes tun um sich mitreißen zu lassen - oder aus der Bahn treten. Nur wer sich von Aikido hinreißen lässt, kann jemals zu einem Aikido gelangen, das hinreißend ist.


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AIKIDO die friedliche Kampfkunst

VORWORT
Vorwort zur zweiten Auflage


DIE PRINZIPIEN DES AIKIDO
Die unmögliche Kampfkunst
Kein Gegner, kein Kampf
Morihei Ueshibas Weg
Wasser, Luft und Vakuum
So wie die Jungen
Weiblicher Vorteil
Von sich werfen
Können oder lernen
Hier und jetzt
Gemeinsame Fahrt
Die Sache mit der Selbstverteidigung
Wohlbehagen


DIE GRUNDLAGEN DES AIKIDO
Do - der Weg
Ki - Lebensenergie
Ai - Harmonie
Dreieck, Kreis und Quadrat
Tanden - das Zentrum des Körpers
Aiki - Rhythmus und Richtung
Kiai - Kraft sammeln
Kamae - die perfekte Stellung
Kokyu - Bauchatmung
Ma-ai - der sichere Abstand
Irimi, tenkan - nach innen, nach außen
Omote, ura - Vorderseite, Rückseite
Gotai - statisches Training
Jutai - weiches Training
Ki nagare - fließendes Training
Zanshin - der ausgestreckte Geist
Uke - der geführt wird
Keiko - trainieren, trainieren, trainieren
Takemusu - grenzenlose Improvisation
Nen - eins mit dem Augenblick
Kototama - die Seele der Wörter


AIKIDO - die friedliche Kampfkunst
Stefan Stenudd

Übersetzung: Sabine Neumann
© Stefan Stenudd 2006. Arriba Verlag.

Das ganze Buch als PDF (4MB)
Das ganze Buch als eBook (260KB)
Dank an Norbert Lender für das eBook.


Aikido - die friedliche Kampfkunst.

Aikido - die friedliche Kampfkunst

Stefan Stenudds Einführung in die Grundprinzipien von Aikido gibt es jetzt auch als Printausgabe, mit überarbeitetem Text und zahlreichen neuen Fotos. Hier geht's zum Buch auf Amazon.





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